Kalendersprüche und meine „Meisterprüfung“ in der Psychiatrie

In den Zimmern der Psychiatrie hängen Kalender mit Sprüchen. Bei meiner zweiten Reise in die Psychiatrie waren auf dem Kalender rosa Blumen mit dem Spruch: „Herr, lehre mich die Kunst der kleinen Schritte“ und beim dritten Mal war dort ein Pyramidenfels, aus dem ein Baum in den blauen Himmel wuchs. Der Originalspruch lautete sinngemäß: „Die Kraft des Baumes durchbricht selbst den härtesten Stein.“ Mein persönlicher Spruch zu diesem Bild war aber: „Aus Pyramiden können Bäume wachsen.“

Das interpretierte ich damals als einen Ausbruch aus der Illuminaten-Pyramide, der Pyramide vom Herrn der Materie. Es sei meine Aufgabe, durch höchste Körperbeherrschung zum Baum zu werden und mit meinen Wurzeln diese Pyramide zu durchbrechen. Ja, eine geistige freimaurerische Macht schien mich zu dieser Art von Meisterschaft regelrecht hinführen zu wollen.

Lebe ohne Essen – allein durch Energie leben? Meine spirituelle Prüfung

Der Pyramiden-Baum-Kalender war im Zimmer 7, also im Zimmer mit der göttlichen Zahl. Allerdings war mit diesem edlen Ziel der Meisterschaft eine harte Prüfung verbunden, die ich nicht gemacht hatte. Soweit ich die Eingebungen der geistigen Macht richtig gedeutet hatte, sollte ich lernen, wie ein Baum von Wasser und Licht oder mit künstlicher Ernährung zu leben (also nur mit reinen Nährstoffen) und mich somit von den Genüssen der Zunge zu verabschieden. Doch ich liebe es trotz meiner schlanken Figur zu essen. Ich wollte mich nicht lebendig begraben, indem ich mich durch Nahrungsverweigerung an den Tropf einer künstlichen Ernährung anschließen lasse und meine Zeit im Bett der Psychiatrie mit geschlossenen Augen in ewiger Meditation verbringe. Das war es, was diese geistige Macht sehen wollte.

Keine Ausreden! – Der Tadel meines Meisters

Jener geistige Lehrer schien mich für meine Schwäche und meine Ausreden vor dieser Prüfung zu tadeln. Dabei ist es gnadenlos logisch: Durch künstliche Ernährung könnte ich lange in der Psychiatrie leben. Diese Macht wollte, dass ich mich von allem Körperlichen verabschiedete und mich nur noch auf das Spiel im Gehirn konzentrierte, was mir möglicherweise höheres spirituelles Wissen gebracht hätte. Aber wie gesagt, ich wollte diese Prüfung nicht machen. Es erschien mir grausam, ohne den Genuss des Essens zu leben. Und am Ende schien mich auch eine geistige Macht ermahnen: „Lass diesen Unsinn! Du bist ein Mensch und Menschen essen nun einmal wie Tiere! Lass diese Selbstbeerdigung!“

Das war nicht rühmlich, aber so war es eben. Haben Sie überlegt, ob man im Jenseits als Engel oder Geist noch essen kann? Wie ist der Gedanke, nichts mehr zu essen? Würde Ihnen nicht etwas fehlen?

Meine Liebe zum Essen wurde mir erst bei dieser Prüfung so richtig bewusst. Ich fragte mich, ob viele Seelen nicht deshalb gerne in einem Körper wiedergeboren werden, weil sie essen wollen. Das klingt so gar nicht edel, aber vielleicht ist es so. Das war meine Lektion aus dieser Prüfung.

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